Prof. Dr. Sebastian Murken
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Was ist Religionspsychologie?

Welchen Stellenwert Religion und Religiosität heutzutage in unserer vom wissenschaftlichen Weltbild geprägten Welt noch haben, scheint unklar. Auf der einen Seite verlieren kirchliche Institutionen zunehmend an Autorität und Bedeutung; Religiosität wird dabei immer mehr zur Privatsache. Gesellschaftlich entspricht diese Entwicklung einer Individualisierung bis hin zur Vereinzelung der Menschen, mit einem Verlust an Beziehungen und verbindlichen Normen.

Demgegenüber steht auf der anderen Seite das zunehmende Bedürfnis vieler Menschen nach Beziehung, Sinn und Transzendenzerfahrung. Dies zeigt sich in der Hinwendung zu Angeboten des "New Age", Esoterik oder neuer Religionen, in einem wachsenden Bedürfnis nach Spiritualität sowie in dem Bedürfnis nach (religiöser) Gemeinschaftserfahrung. Empirische Umfragen belegen, dass, trotz schwindender Bedeutung der Kirchen, individuelle Religiosität nach wie vor einen bedeutsamen Erlebensbereich vieler Menschen darstellt.

Religion und Spiritualität psychologisch Verstanden bedeutet, ihren Einfluss auf Denken, Fühlen und Handeln zu verstehen. Eine besondere gesellschaftliche Aktualität erlangte das Thema Religion durch die Ereignisse des 11. September 2001. Seit diesem Tag zeigt sich in aller Deutlichkeit, welch großen Einfluss Religionen und damit verbundene Strukturen auf menschliches Verhalten haben können, auch wenn diese Erkenntnis natürlich nicht neu ist. Auch in der Geschichte der Menschheit hat sich immer wieder gezeigt, dass Religionen Auslöser von Diskriminierung, Konflikten und sogar Kriegen sein können, und dass im Namen der Religion Menschen zu unfassbaren Taten bewegt werden können. Auf der anderen Seite steht das positive Potenzial von Religion. So kann die Religion dem Menschen Kraft und Stärke geben, die sich sowohl in der individuellen Lebensbewältigung als auch auf gesellschaftlicher Ebene, z.B. beim Einsatz für Menschlichkeit und Frieden, zeigen kann.

Die Disziplin, die sich in besonderem Maße mit dem Menschen und dessen Bedürfnis nach und Erleben von Religion und Spiritualität sowie mit deren verhaltenssteuernder Bedeutung befasst, ist die Religionspsychologie, die an der Schnittstelle zwischen Theologie, Soziologie, Philosophie, Religionswissenschaft und Psychologie einzuordnen ist und eine wertvolle Ergänzung dieser Disziplinen darstellt.

Die etwa 100 Jahre alte wissenschaftliche Religionspsychologie, deren Beginn mit der Emanzipation der Psychologie als eigenständige empirische Wissenschaft um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert datiert werden kann, fristet in Deutschland ein Schattendasein. Während die Religionspsychologie in angloamerikanischen Ländern (USA, Kanada, Australien) und den europäischen Nachbarländern (Belgien, Niederlande, Schweden, Finnland) zumindest ansatzweise universitär etabliert ist, hat die wissenschaftliche Psychologie in Deutschland den Bereich Religion/Religiosität/Spiritualität nach 1945 praktisch völlig ausgeklammert, so dass es hier keine entsprechende Forschungseinrichtung gibt und religionspsychologische Forschung nur sporadisch und zersplittert stattfindet.